Im April 2027 wird in Nordrhein-Westfalen ein neuer Landtag gewählt. Dazu bringen sich die Parteien in Stellung. So auch die AfD: In gut zwei Monaten soll in Aufstellungsversammlungen darüber entschieden werden, welche Kandidaten aus den Reihen der AfD die Plätze auf der Landesliste in welcher Reihenfolge besetzen werden.
Diese Aufstellungsversammlungen werden als Delegiertenversammlung abgehalten. Die 500 Delegierten werden auf Kreisebene ermittelt; aufgrund seiner Mitgliederzahl dürfte der Kreis Kleve etwa 20 Delegierte entsenden.
Ein Delegierter vertritt derzeit etwa 26 Mitglieder. Aufgabe der Delegierten ist es, stellvertretend für die von Ihnen vertretenen Mitglieder eine qualitativ starke Landesliste zu wählen, aus welcher dann eine bestmöglich besetzte AfD-Fraktion eine nutzbringende Politik für die Bürger Nordrhein-Westfalens und eine vorzeigbare Repräsentation der AfD bewirkt.
Um ihrer Aufgabe nachzukommen, müssten die Delegierten aus allen Bewerbern die für die Landesliste geeignetsten Kandidaten identifizieren und wählen. Die Eignung sollte so gut wie ausschließlich auf Kriterien wie Bildung, Berufs- und Lebenserfahrung sowie charakterlicher Ausstattung abgestellt werden. Die Erforschung dieser Eigenschaften ist den Delegierten anhand persönlicher Bekanntheit des Kandidaten (was in den wenigsten Fällen der Fall sein dürfte), anhand von Presseartikeln, Vorträgen, Beiträgen und Kommentaren in den sozialen Medien, den Darstellungen der Kandidaten im Kandidatenportal und schließlich anhand der Vorstellungsreden nebst Beantwortung eventuell gestellter Fragen möglich.
Ja, die Delegierten müssten – doch leider sieht die Wirklichkeit anders aus:
Man glaubt es kaum, die Kandidaten in der AfD (nur dort?) erhalten vielfachst anhand der merkwürdigsten Kriterien ihre Delegiertenstimmen:
– Man hat fleißig Plakate aufgehangen, Flyer verteilt und war an Infoständen präsent;
– der Kandidat kommt aus dem gleichen Stadt- oder Kreisverband,
-er ist ein emsiger Netzwerker und fehlt gefühlt auf keinem AfD-Stammtisch, auf keinem Neujahrempfang, Frühlings- und Sommerfest;
– der Kandidat hat gleich mehreren Delegierten einen Job versprochen, wenngleich sich nach der erfolgreichen Kandidatenwahl in unzähligen Fällen erwiesen hat, dass es so viele Jobs gar nicht gibt, wie sie erstmal versprochen wurden;
– der Kandidat reicht dem Delegierten einen Zettel an (früher jedenfalls; heute kommt sowas meist per WhatsApp, Telegram oder E-Mail) mit dem zwingenden Hinweis, der Delegierte solle ja nur für den zettelübereichenden Kandidaten und die anderen auf dem Zettel aufgeführten Personen stimmen – womit wir beim eigentlichen Thema wären – den sogenannten Kungellisten.
Nicht alle Menschen sind gleich, und Delegierte sind es genau so wenig. Ihre Nähe zum intellektuellen Hochadel ist unterschiedlich, und ihre Beeinflussbarkeit ist es auch.
Anstatt die Kandidaten ausschließlich nach den oben schon genannten Kriterien (= Bildung, Berufs- und Lebenserfahrung, Charakter) auszuwählen, hat die Erfahrung gezeigt, dass die Leithammel der Delegationen zuvor mit anderen Leithammeln eine interne Liste ausgehandelt haben – die Kungellisten eben – mit der Absicht und dem gegenseitigen Versprechen, nur die auf diese Liste gesetzten Kandidaten zu wählen und, viel wichtiger noch, auch von möglichst allen der Delegierten aus ihrem Umfeld wählen zu lassen. Qualifikation der Listenkandidaten – mehr oder weniger nachrangig. Oft dürften sich die Kandidaten auf den Kungellisten kaum kennen – was zählt, ist die Hoffnung auf Einhaltung des Versprechens, dass sich alle an die Absprache halten und sich ausschließlich gegenseitig wählen (lassen).
Dieses Vorgehen verhindert so gut wie immer, dass exzellente Kandidaten, welche sich zur Wahl stellen, aber in die Kungelei nicht einbezogen sind und in vielen Fällen auch ausdrücklich nicht einbezogen werden wollen, keine Chance haben, gewählt zu werden. Ein besonders krasser Fall ereignete sich vor Jahren auf einem Düsseldorfer Bezirksparteitag, wo sich ein umtriebiger Physik-Professor zur Wahl stellte, auf keiner der Kungellisten stand und somit auch nicht zum Zuge kam. Bei so manchem der Gewählten hingegen konnte man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
So schadet man der AfD. Mal sehen, wie lange das gut geht.
Eine Antwort
Auszug aus Kleve, Deutschland und Welt – 30.04.26
Meine Gedanken – G.K. ©
Ein Delegierter vertritt derzeit rund 26 Mitglieder. Seine Aufgabe ist klar: stellvertretend für diese Mitglieder eine starke Landesliste zu wählen – eine Liste, aus der sich eine kompetente Fraktion bildet, die Politik im Sinne der Bürger Nordrhein-Westfalens gestaltet und zugleich die AfD überzeugend repräsentiert.
So weit die Theorie.
In der Praxis müssten Delegierte aus allen Bewerbern die geeignetsten Kandidaten auswählen. Maßstab sollten ausschließlich Leistung, Bildung, Berufs- und Lebenserfahrung sowie Charakter sein. Wer Verantwortung tragen will, muss etwas vorzuweisen haben. Delegierte können sich darüber ein Bild machen: durch persönliche Bekanntheit, Presseberichte, Vorträge, Beiträge in sozialen Medien, Darstellungen im Kandidatenportal und nicht zuletzt durch Vorstellungsreden sowie Antworten auf kritische Fragen.
Doch leider sieht die Wirklichkeit oft anders aus.
Ich habe einige Zeit gebraucht, um manche Kommentare einzuordnen. Hochverdiente Parteimitglieder werden mit Abfälligkeiten beiseitegeschoben und regelrecht „gecancelt“. Respekt vor ihrer Lebensleistung? Fehlanzeige. Achtung vor ihrer öffentlichen Reputation? Wird in den eigenen Reihen achtlos vom Tisch gewischt.
Gerade wir müssten doch ein Bollwerk des Miteinanders sein. Eine Partei wächst nicht, indem sie ihre Erfahrensten entsorgt. Die sogenannten Alten sind kein Hindernis für die Jungen – sie sind Fundament, Geländer und Erfahrungsschatz zugleich.
Doch stattdessen wird beeinflusst, gedrängt und gesteuert.
Delegierte sollten frei entscheiden – unbeeinflusst von selbsternannten Spitzen, frei von Diffamierungen, frei von künstlich aufgebauten Favoriten.
Denn nicht alle Menschen sind gleich. Und Delegierte ebenso wenig. Manche sind unabhängig, andere leichter lenkbar. Manche denken selbst, andere laufen hinterher.
Genau dort beginnt das Problem.
Statt Kandidaten nach Qualifikation auszuwählen, werden hinter verschlossenen Türen Listen geschmiedet – die bekannten Kungellisten. Einige Leithammel verabreden sich mit anderen Leithammeln, versprechen sich gegenseitige Unterstützung und erwarten Geschlossenheit von ihren Leuten.
Nichtkönnen zählt dann. Nicht Charakter. Nicht Leistung.
Entscheidend ist nur noch, wer zu welchem Lager gehört.
Oft kennen sich die Kandidaten auf solchen Listen kaum. Doch das spielt keine Rolle. Hauptsache, man hält die Absprache ein und schiebt sich gegenseitig nach vorne.
Ich musste Ähnliches bereits vor sieben Jahren bei den Kreiswahlen in Materborn erleben – ein peinliches Scharmützel, eine Schlammschlacht, unwürdig für jede politische Bewegung. Damals hoffte ich, diese Zeiten seien vorbei.
Heute weiß ich:
Der Schmutz ist geblieben.
Er hat nur neue Wege gefunden – und kriecht inzwischen durch alle Poren.